Prof. Dr. rer. nat. habil. Marc Schipper (Psychologie und Kognitionsforschung, HKS Ottersberg), Bremen, 2021
Prof. Jochen Stenschke (Freie Bildende Kunst), Berlin, 2021


INFINITE BORDERS


 

INFINITE BORDERS ist ein kollektives Kunstprojekt, in dem Künstlerinnen und Künstler zusammen mit Prof. Dr. Marc Schipper (Psychologie und Kognitionsforschung) der HKS Ottersberg, mittels künstlerischer Intervention und ästhetischer Reflexion, die technologische Entwicklung von Künstlicher Intelligenz und die sich dadurch ändernde Wahrnehmung und Kreativität in zukünftigen Lebenswelten im Verhältnis von Mensch und Maschine untersuchen. 

Zeit- und Raumschwellen zu erfassen sind die medialen Herausforderungen im aktuellen Kunstdiskurs. INFINITE BORDERS fordert diese erkenntnistheoretische und künstlerische Intervention mit Ausstellungen, Symposien und der Social Media Kommunikation. 

Die Künstliche Intelligenz bildet mit der Erforschung intelligenten Problemlöseverhaltens einen der größten Forschungsschwerpunkte überhaupt. Maschinelles Lernen, Big Data und Lernende Systeme sind nur einige Schlagwörter, die aus dem täglichen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken sind. Die Künstliche Intelligenz bietet ungeahnte Möglichkeiten, findet mittlerweile Einzug in fast alle Bereiche, zunehmend auch in die des gesellschaftlichen Lebens. Durch die Etablierung des 5G Standards und damit der nächsten Stufe der digitalen, industriellen Transformation werden Möglichkeiten geschaffen, Daten in Echtzeit zu übertragen, Prozesse damit flexibler, autonomer und effizienter zu gestalten, womit KI nunmehr nicht länger als Zukunftstechnologie, sondern als konkrete, fassbare Gegenwart zu sehen ist. Die Möglichkeiten der KI scheinen schier unerschöpflich. Sie kann schneller rechnen als jeder Mensch, diesen sogar im Schach schlagen, teils schon genauere Diagnosen stellen als ein Arzt. Alan Turing, einer der einflussreichsten Theoretiker der frühen Computerentwicklung und Informatik, formulierte treffend: Maschinen überraschen mich häufig. Mittlerweile sind durch große Fortschritte in der virtuellen und augmentierten Realität sogar Verschmelzungen subjektiver und objektiver Realität möglich geworden, in dem etwa virtuelle Objekte in unsere Erlebniswelt integriert werden. Ein Ansatz, der zukünftig sicher in der Psychotherapie vermehrt Anwendung finden wird.

Doch wo liegen ihre Grenzen? Ein Bereich, den die KI bislang nicht erobern konnte, ist die Kunst. In der künstlerischen Domäne finden sich sicher einige Annäherungen von Seiten künstlich intelligenter Systeme, doch mit wahrer Kreativität, die eine grundlegende Basis künstlerischen Handelns bildet, hat das wenig bis gar nichts zu tun. Was ist also der Unterschied, der den Unterschied macht, was unterscheidet ein intelligentes System von einem kreativen System oder gar dem kreativen Geist? Eine Frage, die nur mittels einer Auseinandersetzung beider Disziplinen, der Künstlichen Intelligenz und der Kunst, bearbeitet werden kann. Eine Auseinandersetzung, die auch im Sinne der Aufklärung über die bereits in der Gegenwart befindliche Zukunftstechnologie von hoher Relevanz erscheint, gerade bezüglich einer vorhandenen, großen gesellschaftlichen Skepsis gegenüber der KI. Diese Auseinandersetzung bildet die Grundlage des hier vorgestellten Projekts an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft.

Kreatürliche, sinnliche Äußerungen bildeten in der Menschheitsgeschichte die Grundlage der Gestaltung des Lebens bzw. Überlebens. Die Intelligenz dient der Erkenntnis des Seins, der Lebensstrukturen. Wir sehen das, was wir erkennen und wir machen uns Bilder von dem, was wir erkannt haben. Der Hirnforscher Wolf Singer beschreibt diesen Konstruktivismus mit den Zeilen „Wir hören nie auf, Sinnesmodalitäten zu interpretieren und unsere Realität zu konstruieren“ (vgl. Singer & Ricard, 2017, S. 123). Kreativität ist die Voraussetzung zur Ausformulierung der Natur zur Kultur, wobei Kreativität wohlgemerkt ein Konstrukt darstellt, das auch wissenschaftlich noch viele Fragen aufwirft. So definierte Picasso den menschlichen Verstand als den größten Feind der Kreativität, während etwa die Kognitionswissenschaftlerin Margaret Boden diese als Erforschung und Erweiterung der äußeren Grenzen des bereits Vorhandenen versteht, bei gleichzeitigem Halten an die Regeln. Das Halten an die Regeln stellt den Unterschied der zwei aufgeführten Positionen dar: den Menschenverstand, und damit gewissermaßen die Rationalität, entweder als Feind oder als notwendige Basis kreativer Prozesse. Ein Unterschied, der gerade an der Schnittstelle von KI und Kreativität eine enorm große Rolle spielt.

Die Autorenschaft und damit die Identität, wie Signatur und Handschrift, sowie die Rückbesinnung an die Autorenschaft, ist der Beleg für die Authentizität eines Kunstwerkes. Sie ist für computergenerierte Bildgebung irrelevant. Die Prüfung der Authentizität ist obsolet oder wird in einer Blockchain Währung neu verhandelt. Fragen wir weiter nach dem Menschenbild im Zusammenhang mit KI, dann liegt die Ästhetik der Virtualität gerade darin, mit der Rolle des Humanoiden zu spielen. Die Kreativität richtet sich z. Bsp. darauf einen Avatar zu erstellen und neue Realitätsebenen zu erzeugen. Oskar Kokoschka ́s Bild „Mann mit Puppe“ von 1922 ist noch an die Realwelt gebunden. Die „Puppen“ im virtuellen Raum sind „modelings of identity“, vorläufige Lichtspiele ohne Gravitation, ohne Schatten. „Selfies“ stehen dagegen für den Versuch der Selbstvergewisserung des „Ichs“ in Echt-Zeit und Raum der „Digital natives“-Generation, um „auf Armlänge“ neue Identitätsmuster zu samplen oder „Boden unter die Füße“ zu bekommen.

„Post-Internet“- und „Post-Digital“- Künstlerpositionen spielen neu mit dem Sinngehalt und der Fortschreibung der Identität, wie auch der digitalen Kunst. Dabei begann es mit einer ähnlichen Bestandsaufnahme. Im Jahr 2010 schrieb der Künstler und Kritiker Gene McHugh einen Blog „Post-Internet“, der sowohl der Strömung ihren Namen gab, als auch seine Enttäuschung über die Internet-Revolution formulierte: „Alle Hoffnung, dass das Internet Dinge einfacher machen, die Beklemmungen meiner Existenz verringern würde, war einfach geplatzt – gescheitert –, und es entpuppte sich als nur ein weiteres Ding, um das man sich kümmern musste. […] Es wurde zum Ort, an dem Geschäfte abgewickelt und Rechnungen bezahlt wurden. Es wurde zum Ort, an dem andere Leute dich aufspüren“.

"Any hope for the Internet to make things easier, to reduce the anxiety of my existence, was simply over – it failed – and it was just another thing to deal with. [… It became the place where business was conducted, and bills were paid. It became the place where people tracked you down.]“ Gene McHugh, „Post Internet“, 2010 via Internet Archive Wayback Machine 

Die Exhibition der Person, die Darstellung im realen Kunstraum, wie im digitalen verschmelzen zu einem hybriden und heterogenen Gebilde. Die Skepsis richtet sich auf den persönlichen Verlust und mit den eigenen Ängsten in der zunehmenden Volatilität weg gespült zu werden. Auf Instagram wird permanent nachgeladen zur Selbstvergewisserung „ich bin (noch) da“ in einer sich dynamisierenden „Halbwertzeit“. Der Kunstmarkt kommt medial im Internet an und entwickeln mit den NFT-Währungen und den aufwendigen Blockchains Selbstvergewisserungen einer polymedialen Omnipräsenz des künstlerischen oder künstlichen Ichs.

Im Umkehrschluss entwickelte der Künstler Heath Bunting (2004) einen Werkzeugkasten von Tricks, mit denen sich jedermann eine neue Identität verschaffen und diese, Schritt für Schritt, vom Telefonvertrag über die Stromrechnung bis zum Einwohnermeldeamt, legalisieren kann. Dieses Wissen vermittelt Bunting in Workshops an subkulturellen Orten und Kunstzentren. Bunting, der mit dem baldigen Zusammenbruch aller kapitalistischen Systeme einschließlich des Geldsystems und elektronischer Infrastrukturen rechnet, vermeidet daher – wie Goodiepal, und wie die geheimdienstlich verfolgten Hackeraktivisten Snowden und Assange – konsequent den Gebrauch von Mobiltelefonen, EC-Karten und allen anderen Alltagstechniken, die Spuren in Datenbanken hinterlassen.

Die Erhaltung der biologischen, natürlichen Strukturen ist die Voraussetzung des Lebens auf der Erde. Darwins Forschung bewies die Wichtigkeit der Mutationen für die Evolution und der Vorstellung für Anpassung.
Mit einem Rechenspiel (Big Data) bekannte Strukturen neuen Konfigurationen auszusetzen, ist vergleichbar mit den Mutationen in der Natur. Dabei dient die Steuerung und Beobachtung des Sequenzierens, des Kollidieren von bisher Bekanntem dem Ziel, Erkenntnisse, Bilder und Lebensstrukturen zu neuen Identitäts-Designs zu modellieren. Es folgt nicht mehr nur eine Rückbindung im Sinne der Struktur der Natur von „Werden und Vergehen“, sondern eine Generierung von superdynamischen, exponentiell wachsenden, hybriden Imaginationswelten ohne Anfang und Ende. Die bereits zuvor kurz aufgeführte augmentierte Realität kann an dieser Stelle als ein konkretes Beispiel herangezogen werden, die als computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung verstanden werden kann. 

Untersuchungen zum sogenannten „Uncanny Valley“ in Japan haben gezeigt, dass in der Robotik die zu hohe Menschenähnlichkeit bei ca. 80% zu einer abrupten Ablehnung der Maschine kommt. Die entwickelte Angst liegt in der Konkurrenz zur eigenen Autorenschaft, in der Ahnung an die Kopie des „Ichs“.
Sollte die KI auf diesem Gebiet die Sinnlichkeit überzeugend simulieren können, würde sie es schaffen, das „Uncanny Valley“ zu glätten und eine neue Akzeptanz von humanoiden Strukturen parallel zur realen Welt aufzubauen. Mit fortschreitender Akzeptanz wird es eine kongruente Verzahnung von Strukturen der Realwelt mit der virtuellen Welt geben. Die biologische Rückbindung wäre die letzte Ausnahme, Erkenntnis des Ichs an die Natur zu manifestieren. Für die Grundlagenforschung in dieser Sache bleibt die Gestaltungsfrage des Menschen in der realen Existenz. Der Kunst kommt die Eigenschaft zu, zwischen den verschiedenen Ebenen zu vermitteln und sie zu erkennen.

Mehr noch: ein Algorithmus berechnet auf Grundlage der Wahrscheinlichkeit der zuvorkommenden Bilder das nächste Bild. Eine KI, die die mögliche Zukunft berechnet, modelliert wiederum neue Blasen in der Dynamik.

Zeit-/Raumschwellen zu erfassen ist die mediale Herausforderung für die Kunst. Eine mediale Herausforderung mit dem Potential, nicht nur das bisher Bekannte wiederzugeben, sondern – durch multiperspektivische, künstlerische Zugänge – bislang verborgenes sichtbar zu machen, resultierend etwa in einem klareren Bild bezüglich der Möglichkeiten und Grenzen der KI.

INFINITE BORDERS fordert diese erkenntnistheoretische und künstlerische Intervention mit Ausstellungen, Symposien und Social Media Kommunikation.